Wissensbilanz - Wohin geht die Reise? Retrospektive
Am 7. Juli 2005 veranstaltete PricewaterhouseCoopers zusammen mit der Lemmens Verlags- und Mediengesellschaft mbH eine Konferenz zum Thema Wissensbilanz - Wohin geht die Reise. "Chancen und Grenzen der Bewertung von Know-how für Unternehmen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen" lautete der Untertitel der Veranstaltung. Gegliedert war das Programm nach dem Einsatzort der Wissensbilanzen in den öffentlichen Bereich und dem privatwirtschaftlichen Bereich:
Wissensbilanzen im öffentlichen Bereich - Internationaler Eisbrecher für ein innovatives Deutschland?
Prof. Dr, Ursula Schneider (Universität Graz) berichtet über die in Österreuch bereits gesetzlich geforderte Einführung der Wissensbilanz an den Universitäten. Bei Kosten von ca. 3,6 Mio. €/Jahr - ohne die Berechnung der Kosten für Verbesserungen - sieht sie die Einführung als durchaus kritisch, zumal in Österreich die sehr schnelle Einführung und das schlechte Change Management zu einer hohen Demotivation geführt hat. Positiv bewertet sie den internen Nutzen im Sinne professionellerer Entscheidungen und sieht die Wissensbilanz als Signal für Geldgeber und Öffentlichkeit. Die Ideen hinter der Wissensbilanz wie eben die Legitimation gegenüber Geldgebern, verbesserte interne Steuerung, die Darstellung der Leistungen und ein Leistungsvergleich sowie die Verbesserung der Strukturen sind gut. Das Konzept aber ist noch nicht ausgereift und Indikatoren teilweise unglücklich gewählt: Die Teilnahme an Berufungs- und Habilverfahren wird gemessen, die damit einhergehende Zusatzbelastung und unbezahlte Arbeit der Professoren finden aber keinen Eingang in die Bewertung.
Dr. Karl-Heinz Leitner (ARC Seibersdorf) beschrieb die Erfahrungen, die das ARC Seibersdorf als Großforschungsunternehmen mit der hauseigenen Wissensbilanzierung gemacht hat. Das ARC hat ca. 800 Mitarbeiter, davon etwa 120 Studenten. Mit der Wissensbilanzierung, die dort schon seit mehreren Jahren betrieben wird und auch öffentlich zugänglich ist (http://www.arcs.ac.at/publik/fulltext/wissensbilanz/), werden Ziele verfolgt wie
- Transparenz über die Verwendung der öffentlichen Mittel
- Forschungsleistungen gegenüber den Stakeholdern zeigen
- Einschätzungd er immateriellen Vermögenswerte
- Übersicht über zukunftsschaffende Potenziale und deren Entwicklung
Hr. Leitner betont dabei den Wert des Prozesses der Erstellung der Wissensbilanz. Schließlich würde dabei die Organisation gezwungen, ihre Vision, die Unternehmensziele und vorallem die Wissensziele klar zu formulieren. Auch beim ARC wird die Wissensbilanz sowohl als internes Dokument mit Managementfunktion als auch als externes Dokument mit Reportingfunktion betrachtet. Bei der Einführung und der Erstellung der Wissensbilanz trifft aber auch er auf Barrieren und Probleme:
- ungeeignete Unternehmenskultur
- entstehende Transparenz nicht immer gewollt
- Gefahr der Divergenz zwischen interner und externer Darstellung
- Interpretierbarkeit (fehlende Empirie und Kompetenz)
Podiumsdiskussion: "Braucht die Wissensgesellschaft eine Wissensbilanz?"
Prof. Dr. Bernd Höfer (Deustches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V.) sieht in der Wissensbilanz einen Etikettenschwindel: "Wo Wissensbilanz draufsteht, ist Balanced Scorecard und Unternehmensbilanz drin!" so sein provozierendes Statement aus Sicht des "kritsch distanzierten Begleiters". Versuchen wir die Frage zu beantworten, wer die Wissensbilanz braucht, stellen wir fest, dass es für die einzelnen Zielgruppen bereits eingeführte Berichtsformate (z.B. Verwendungsnachweise bei öffentlichen Institutionen) gibt. "Warum also dem Reigen zweifelhafter Messinstrumente ein weiteres hinzufügen?". Wenn die Wissenbilanz jedoch verwendet wird, als das, was sie ist, nämlich eine Potenzialanalyse, und dabei der Schwerpunkt auf der Prozessorientierung liegt, also weniger ein Zeitpunkt als vielmehr eine Entwicklung beschrieben wird, gewinnt auch Hr. Leitner der Wissensbilanz positive Seiten ab. Gebraucht wird seiner Ansicht nach also kein weiteres Bilanzinstrument sondern vielmehr ein Instrument zur Qualitätssicherung der Wissens- und Innovationsprozesse: "Die Wissensbilanz ist tot, es lebe die Innovationsprozessberichterstattung!"
Aus Sicht von Prof. Dr. Udo Wupperfeld (Steinbeis-Transferzentrum TIB, Mannheim) setzt sich die Wissenbilanz aus Methoden zusammen, die einzeln längst bekannt sind (z.B. Balanced Scorecard, Skill Management etc.). Die Frage ist daher, welchen Zweck die Wissensbilanz erfüllen soll. Für Investoren sei ein guter Business-Plan deutlich besser geeignet, eine selbst erstellte Analyse wie die Wissensbilanz schlicht nicht erwünscht. Nichtsdestotrotz sieht Professor Wupperfeldt in der Wissensbilanz eine Chance für KMUs, intern gegenüber dem eigenen Wissen und der Strukturierung desselben sensibler zu werden. Dazu muss das Instrument allerdings noch verbessert werden, zeichnet es sich doch durch eine gewisse Oberflächlichkeit bei der Beschreibung des Wissens aus.
Die anschließende Diskussion zeigt, dass die Wissensbilanz als internes Instrument durchaus gewürdigt, ihre Wirksamkeit als externes Reporting-Instrument aber noch kritisch betrachtet wird.
Wissensbilanzen im privatwirtschaftlichen Bereich - Brauchen wir eine Transparenz immaterieller Werte"
Dr. Ralf Dujardin (Bayer Innovation GmbH) betonte den Wert der Innovationsfähigkeit eines Unternehmens gegenüber dem Wissen einzelner Mitarbeiter und gab den Rat: "Knowledge can walk out the door, so focus on innovation!" Die Funktion einer Wissensbilanz sieht er hauptsächlich als internes Dokumentationsinstrument, weist aber auch hier wieder darauf hin, dass auch die Wissensbilanz keine objektive Beurteilung des Wissens im Unternehmen darstellt.
Hr. Dr. Lex (O2) sieht die Wissensbilanz als Startpunkt für eine erfolgreiche Personalentwicklung, bietet sie doch die Möglichkeit sich strukturiert mit den einzelnen Wissensgebieten und den zukünftigen Anforderungen in diesen Wissensgebieten auseinanderzusetzen.
Dr. Hofer-Alfeis (Siemens AG) legt bei der Erstellung einer Wissensbilanz den Schwerpunkt auf die für den Geschäftserfolg kritischen Wissensgebiete. Wichtig aus seiner Sicht ist es, die Prozesse und Disziplinen, die in Zusammenhang mit dem intellektuellen Kapital stehen, eben Wissensmanagement, Ideenmanagament, Patentmanagement, Standardisierung, IC-Property etc, zusammenzubringen und hier Synergien zu nutzen. Gerade in Bezug auf die alternde Gesellschaft sei es wichtig, das IC zu steuern, nicht nur innerhalb der Personalpolitik.
Wissensbilanz praktisch - Welche Bewertungsansätz liegen vor?
Unter dem Aspekt der Unternehmenspublizität betrachtete Professor Dr. Thomas M. Fischer (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) die Wissensbilanz und verweist hier auf die rechtlichen Gegebenheiten und entsprechende Änderungen im HGB, wo nach dem Bilanzrechtsreformgesetz auch nichtfinanzielle Leistungsindikatoren, wie z.B. Umwelt- und Arbeitnehmerbelange, im (Konzern-)Lagebericht erfasst werden können. Die Deutsche Bank publiziert - bislang freiwillig - Leistungskennzahlen, z.B. den Mitarbeiter-Commitment-Index, die Zahl der Austritte wegen Stellenwechsels, den Weiterbildungsaufwand pro Mitarbeiter und die Ausgaben für Berufsausbildung in Euro.
Dr. Jutta Menninger (Pricewaterhouse Coopers) thematisierte die Bewertung von Marken, Patenten, Humankapital und anderen immateriellen Werten aus Sicht der Unternehmensbewertung. Laut Dr. Menninger ist eine monetäre Bewertung immaterieller Werte durchaus möglich und wir bei verschiedenen Anlässen durchaus vorgenommen (z.B. bei Bewertungen für Verkäufe, Verträge und bei Bilanzen). Dabei ist es unumgänglich, dass die interne und externe Bewertung übereinstimmen, um die Glaubwürdigkeit zu gewährleisten. In einer entsprechend besetzten Arbeitsgruppe mit führenden Unternehmensbewertern, Vertretern der Standidisierungskommision etc. wird an einem internationalen Standard zur Bewertung immaterieller Vermögenswerte gearbeitet. Ein erster Entwurf soll schon bis Ende diesen Jahre fertig gestellt sein.
Podiumsdiskussion und Diskussion im Plenum "Wissensbilanz - ein freiwilliger Beitrag zur Transparenz oder ein zukünftiges Muss?"
Dr. Rolf Hochreiter (Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit) vertrat bei dieser Diskussion die politische Dimension. sein Ministerium hatte ja u.a. die Initiative zur Erstellung eines Leitfadens zur Wissensbilanz finanziert. Aus seiner Sicht ist es garkeine Frage, dass Unternehmen angesichts der Wichtigkeit von Innovation Wert auf die regelmäßige Beurteilung des eigenen Wissens legen sollte. Es müsse das Instrument Wissensbilanz allerdings auch an die Bedarfe kleinerer und mittelständischer Unternehmen angepasst werden. Sonst bewirke sie genauso wenig wie vorher die Einführung anderer Messinstrumente wie die Balanced Score Card usw.
Guido Pfeifer (VR Bank Südpfalz eG) vetrat hier nicht die Sicht des Bankers, der die Wissensbilanz für das Rating heranzieht, sondern die Position eines KMU's, das die Wissensbilanz zur Standortbestimmung einsetzt. Die Wissensbilanz soll zeigen, welche Wirkung das IK auf die Geschäftsprozesse hat und welches Potenzial im Unternehmen vorhanden ist, um erfolgreicher zu werden. Er sieht die Wissensbilanz als internes Frühwarnsystem, als Signal für den Kunden und durchaus auch als Möglichkeit indirekt auf lange Sicht ein besseres Rating zu erreichen, indem durch den Prozess der Wissensbilanzierung die Geschäftergebnisse verbessert werden können.
[Beitrag Hr. Kay Alwert (Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik) fehlt]
Die Diskussionsbeiträge zeigten eines sehr deutlich: Die Wissensbilanz ist ein Gemeinschaftsprojekt der jeweiligen Organisation und es ist eine Frage der Unternehmenskultur, ob hier die Schwächen oder aber die Stärken der Organisation herausgearbeitet werden und ob die erreichte Transparenz wirklich gewollt ist. "Die Wissensbilanz wird sich nur durchsetzen, wenn sie kein zusätzliches mehr oder weniger erfolgreiches Messinstrument ist, sondern Bestehendes integriert wie auch Wissensmanagement keine zusätzliche Management-Methode ist, sondern die Integration aller bestehenden leistet." so der Standpunkt von COGNEON.
Wenn Sie sich weiter über das Thema Wissensbilanz informieren oder daran gemeinsam mit Experten weiterarbeiten wollen, ist unser COGNEON Knowledge Jam im September eine gute Gelegenheit! Weitere Infos und Anmeldung unter www.cogneon.de/ckj.
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Wissensbilanz System
Hallo,
ich nehme an das Sie vom Programm WIBISYS noch nie etwas gehört haben !!!
Gruß
Helmuth
Wissensbilanzen J. Hofer-Alfeis (Siemens AG) - Präzisierung
"Bewertungsmethoden immaterieller Ressourcen im Fokus"
ist der Titel eines Artikels in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift wissensmanagement (5/2005, S. 44-46), der inhaltlich ganz gut zu den Diskussionen passt, die im Rahmen der Wissensbilanz-Konferenz geführt wurden. Sven Wohlfarth, Daniel Fischer und Kay Alwert vergleichen hier verschiedene Methoden der Bewertung von immateriellen Ressourcen: Monetäre Methoden wir der Human Capital Benchmarking Report oder das Intangibles Scoreboard stehen nichtmonetären Methoden wie der Integrierten Wissensbewertung und dem Intellectual Capital Index gegenüber. Es überrascht mich nicht, dass nach Einschätzung der Autoren "nichtmonetäre Bewertungsmethoden verstärkt an Bedeutung gewinnen". Dabei aber bleiben "alle Bewertungen von iR unscharf und subjektiv".
Nachzulesen (nur für Abonnenten der Zeitschrift) unter www.wissensmanagement.net.